Wir müssen draußen bleiben

Patientinnen und Patienten digitalisieren ihre Gesundheitsversorgung zunehmend selbst, so das Ergebnis des jüngsten EPatient Survey. Laut E-Health-Forscher Dr. Alexander Schachinger, dem Studienleiter des EPatient Survey, einer jährlichen repräsentativen Befragung unter 3000 Bürgern, beschleunigen vor allem die jüngeren, urbanen Versicherten den Trend, dem andere bald nachfolgen werden. Niedergelassenen Ärzten sowie Apotheken entgehen damit zunehmend Umsätze, die stattdessen Plattform-Anbieter gewinnen.

Von Heiner Sieger

Mit der Digitalisierung vollzieht sich ein Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem. Die eigene Ärzteschaft oder die Apotheke vor Ort sind nicht mehr die primäre Ansprechperson. Rund die Hälfte der ärztlichen Online-Konsultationen wird laut E-Health-Forscher Dr. Alexander Schachinger nicht vom eigenen Arzt oder Ärztin durchgeführt, sondern von einer dem Ratsuchenden fremden Person im ärztlichen Dienst neuer Marktanbieter. Die Nachfrage nach Online-Sprechstunden steigt ebenfalls weiter: von 11 auf 14 Prozent. 15 von 100 Bürgerinnen und Bürgern scannen ihre Rezepte und schicken sie in fast der Hälfte aller Fälle an Online-Apotheken. Und auch bei der sprunghaft gestiegenen Nutzung von Gesundheits-Kursen haben sich die Bürgerinnen und Bürger nicht vorher mit ihrem Arzt verständigt. Sie entscheiden das selbst oder nehmen Angebote ihrer Arbeitgeber oder Versicherungen in Anspruch. So ist etwa die Nutzung von Online-Kursen von Plattformanbietern zu den Gesundheitsthemen Ernährung, Bewegung und Achtsamkeit von 18 Prozent auf inzwischen 29 Prozent der Befragten stark gestiegen, so der jüngste EPatient Survey. Die Folge: Ärzte und Apotheker bleiben bei Umsätzen im Gesundheitsmarkt zunehmend außen vor.

Rund die Hälfte der ärztlichen Online-Konsultationen wird nicht vom eigenen Arzt oder von der eigenen Ärztin durchgeführt, sondern von einer dem Ratsuchenden fremden Person im ärztlichen Dienst neuer Marktanbieter. Wer sind da die Gefragtesten?

Dr. Alexander Schachinger: Das sind zum Beispiel die sehr aktiven Start-ups wie Teleclinic, Zava und Kru. Die machen auch explizit Werbung in bekannten Medien wie etwa der FAZ. Allein an dem Fakt, welche Werbeträger diese Unternehmen nutzen, lässt sich ablesen, welche Zielgruppen sie ansprechen, nämlich eher gebildete städtische Milieus mit höheren Einkommen, überwiegend unter 50 Jahre alt und eher gesund. Manche dieser Anbieter kooperieren auch mit Ärzten.

Mit welcher Geschwindigkeit rechnen Sie künftig bei dem Paradigmenwechsel durch die zunehmende Digitalisierung?

Immer mehr Bürger nutzen inzwischen ärztliche und therapeutische Online-Konsultationen live übers Internet, der Anteil ist innerhalb von 6 Monaten von 11 auf 13 Prozent gestiegen und wird sich auch noch einige Zeit mit einem Wachstum von geschätzt 2 bis 3 Prozentpunkten pro Jahr fortsetzen. Die Hälfte der Nutzer macht das mit dem Arzt vor Ort. Aber die andere Hälfte bereits mit Plattformdiensten. Damit erreicht die Plattformmedizin allmählich eine kritische Masse.

Bei der sprunghaft gestiegenen Nutzung von Gesundheits-Apps und -Kursen haben sich laut Ihrem EPatient Survey immer mehr Bürgerinnen und Bürger nicht vorher mit ihrem Arzt verständigt. Sie entscheiden das selbst oder nehmen Angebote ihrer Arbeitgeber oder Versicherungen in Anspruch. Welche Apps sind das vor allem? 

Das sind Anbieter aus unterschiedlichen Bereichen wie Ernährung, mentale Gesundheit oder sportliche Prävention wie bspw. Gymondo, Headspace, 7Mind, Neuronation, Millionfriends. Deren Anteil ist sprunghaft und untypisch stark von 18 auf 29 Prozent hochgeschnellt. Dieser Anstieg wird auch befeuert durch die zunehmenden Zuschüsse von Arbeitgebern, die das ihren Angestellten anbieten.  Zudem steigt auch hier der Werbedruck der Anbieter in Print- und Rundfunkmedien, erst recht zuletzt durch den Lockdown.

Wohin könnte es führen, wenn sich eher gebildete städtische Milieus, aus den klassischen Empfehlungsstrukturen des Gesundheitssystems verabschieden? Gewinnen Google & Co hier die Oberhand?

Es sind ja vor allem eher nicht chronisch Kranke, die aber einen nicht unbeträchtlichen Umsatzbeitrag für den Arzt bedeuten, die sich eben diesen Angeboten zuwenden. Hier verändert sich allmählich die Struktur in den Arztpraxen, da immer mehr potenzielle „Kunden“ Arztbesuche durch digitale Angebote ersetzen. Von dieser Entwicklung sind übrigens auch die Apotheken betroffen. Das sind Veränderungen, die noch nicht rasend schnell vonstatten gehen, aber sich durchaus beschleunigen könnten in den kommenden Jahren.

Auch bei den Apps, welche die Einnahme, Therapietreue sowie Folgebestellungen für Medikamente anbieten, ist die Eigenrecherche der Patienten und Patientinnen laut aktuellem EPatient Survey der Beschaffungskanal Nummer Eins – dreimal stärker ausgeprägt als der Empfehlungskanal Arzt sowie Ärztin. Ist das ein digitales Therapieversagen der Leistungserbringer, welche die digitale Wirklichkeit bisher erfolgreich ausblenden?

Zum Teil ist das inzwischen so. Menschen, die Medikamenten-Apps nutzen, suchen sich diese im Netz. Das bedeutet auch einen Kontrollverlust für Ärzte und Apotheker und insgesamt weniger Patientensicherheit. Diese Angebote sind ja längst nicht alle zertifiziert von einer unabhängigen Stelle. Da könnte sich etwa die Bundesärztekammer auf ein Vorgehen darüber einigen, welche Medikamenten-Apps für die Ärzte empfohlen werden, etwa die mit der Medikamentendatenbank arbeiten. Patienten und Ärzte werden hier noch alleine gelassen.

Sie befürchten im Gesundheitsmarkt einen Plattformeffekt à la Netflix und Amazons Prime Video. Inwiefern?

Diese Entwicklung beschreibt für die USA der Digital Health Consumer Adoption Report von Rock Health. 2021 zeigt er beispielsweise eine Online-Konsultationsrate in den USA von mehr als 50 Prozent. Daraus wird gut erkennbar, was auch auf uns zukommt: Die Leistungserbringer werden zwar nicht abgeschafft, aber je mehr Menschen ohne den niedergelassenen Arzt klarkommen, desto mehr Umsatz entgeht dem etablierten Gesundheitsmarkt. Und der ist in Deutschland noch vergleichsweise rückständig in Sachen Digitalisierung. Nehmen Sie das Beispiel der elektronischen Patientenakte (ePA): Die Telematik funktioniert hier noch nicht richtig. Statt sie mit vereinten Kräften ans Laufen zu bringen, schieben sich die Beteiligten da ständig gegenseitig den schwarzen Peter zu. Das jüngste Scheitern bzw. Verschiebung des E-Rezepte sehe ich als exemplarisches Zögern. Andere Anbieter geben da mehr Gas. So gehört zum Beispiel Teleclinic seit kurzem zu Doc Morris. Apotheker, die ein E-Rezept von Teleclinic zugesendet bekommen, erhalten direkt unterhalb der Verordnung eine Werbung von DocMorris, der seinen Marktplatz als digitales Sprungbrett für die Apotheke anpreist.

Der EPatientSurvey nennt Krankenkassen als Vorbilder, etwa bei der Empfehlungsgebung. Was könnten die wesentlich atomistischer organisierten Ärzte und Apotheken daraus lernen? Sollten sie vermehrt eigene digitale Beratungsangebote aufsetzen?

Das ist ein Dilemma. Der niedergelassene Arzt ist da eher auf sich gestellt. Doctolib, ein französischer Anbieter für Online-Arzttermine wächst in Deutschland stark und managt die Terminvereinbarung für den Arzt. Diese Winner-takes-it-all-Funktion, oder Türsteher-Funktion einzelner Anbieter ist schon eine erkennbare Tendenz. Da müsste sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung oder die Bundesärztekammer wesentlich mehr mit dem Thema Online befassen, um hier nicht noch weiter im Netz abgehängt zu werden.

*Dr. Alexander Schachinger

E-Health Forscher, Studienleiter EPatient Survey

Dr. Alexander Schachinger, E-Health-Forscher und Studienleiter EPatient Survey
©Dr. Alexander Schachinger

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