Vom Online-Shopper zum Online-Patienten

Globale Technologiekonzerne dringen immer stärker in den Gesundheitsbereich ein. In den Blickpunkt rückt der „amazonisierte Patient“. Der wendet sich aufgrund der Digitalisierungsdefizite unseres Gesundheitssystems vermehrt den Web-Angeboten großer US-Konzerne zu. Diese Tech-Giganten lockt ein gewaltiges Renditepotenzial. Experten warnen: Die „Vogel-Strauß-Politik“ vieler Ärzte führe zu einem Niedergang der Anbieter wie zuvor im Einzelhandel.

Von Heiner Sieger

Waren Sie unlängst mal bei Ihrem Hausarzt? Hat er neben der Untersuchung nur Ihren Impfstatus überprüft? Oder hat er Sie auch auf die digitale Gesundheitsanwendungen, Rezepte und Krankschreibungen oder seine Videosprechstunden hingewiesen? All das ist nämlich in den Arztpraxen möglich. Die Frage ist allerdings rein rhetorisch, denn ein großer Teil der Hausärztinnen und Hausärzte tut das noch nicht, so die Ergebnisse der aktuellen repräsentativen Umfrage zum Thema „Der amazonisierte Patient – was Versandhandelskunden und Patienten gemeinsam haben“. Darin hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Civey für Deutschlands größte Steuerberatungsgruppe im Gesundheitswesen, ETL Advision, 200 niedergelassene Ärzte in Deutschland befragt. Eines der konkreten Ergebnisse: Das Potenzial einer Videosprechstunde für die Attraktivität der eigenen Praxis erkennt nur jeder zehnte Arzt und rund zwei Drittel der Befragten planen so etwas auch nicht in den kommenden beiden Jahren.

Echodot von Amazon

Droht dem deutschen Gesundheitswesen mit so einer Haltung das Schicksal des stationären Einzelhandels? Der hat in den vergangenen Jahren auch die Digitalisierung verschlafen und massiv Umsatz an Anbieter von Online-Shops verloren, allen voran an den US-Handelsriesen Amazon. Bei genauerer Betrachtung der digitalen Entwicklung der Branche sei eine „Amazonisierung“ jedenfalls nicht zu leugnen, so die Umfrage. Zu Amazon: Das ist globale Handels-Marktmacht in Kombination mit Kapitalstärke, die so manchen Verantwortlichen im Gesundheitswesen fürchten lässt, dass solch ein Konzern in der Branche Fuß fassen könnte.

Digitalisierungs-Defizite können zu Parallelstrukturen führen

Wie etwa Jens Baas. Der Chef der Techniker Krankenkasse warnte ebenfalls erst kürzlich vor einer Bedrohung des deutschen Gesundheitssystems durch eine „Amazonisierung“ amerikanischer Großkonzerne angesichts der riesigen Digitalisierungs-Defizite in Deutschland. „Für das Gesundheitssystem ist die mangelnde Digitalisierung langfristig eine existenzielle Bedrohung, wie sie andere Branchen längst erleben“, sagte er der Augsburger Allgemeinen. Digitalkonzerne wie Amazon, Google und viele andere hätten mit ihrer ungeheuren Datenmacht ganze Branchen tiefgreifend verändert. „Auch unser Gesundheitssystem ist gegen eine Amazonisierung alles andere als immun“, warnte Baas. „Die große Herausforderung lautet, wie reformieren und digitalisieren wir unser Gesundheitssystem rechtzeitig, damit nicht Digitalkonzerne mit sehr viel Geld und vor allem sehr vielen Daten von Kundinnen und Kunden irgendwann die Richtung vorgeben“, so Baas. „Dann bestimmen nicht mehr Politik und Gesellschaft die Regeln, sondern eben kommerzielle Player. Ich halte das für eine sehr reale Gefahr.“

Denn Amazon ist eigentlich nur ein Synonym für etliche andere internationale Tech-Giganten. Gleich 16 an der Zahl – von Alibaba und Apple über Google und Microsoft bis zu Siemens und Tencent – hat gerade die Bertelsmann-Stiftung in ihrer Studie „Tech-Giganten im Gesundheitswesen“ unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Die Tech-Giganten nutzen zum einen ihre Marktmacht und digitales Know-how sowie die Verfügbarkeit von Daten und dominieren so die digitale Transformation. Und zum anderen agieren sie dabei als Innovationstreiber, die das enorme Potenzial des Gesundheitssektors erkannt haben und entwickeln für diesen eine Vielfalt von digitalen Produkten und Services. „Einer der wichtigsten Pfeiler für die Innovationskraft der Tech-Giganten sind schier unendliche Datenberge, generiert durch Smartphones, Smartwatches, Fitnesstrackern und weiteren Wearables. Die Konzerne machen sich jetzt daran, deren Potenzial auszuschöpfen und mithilfe von Algorithmen und künstlicher Intelligenz (KI) auszuwerten“, schreibt Dr. Thomas Kostera, Senior Expert Gesundheitssysteme bei der Bertelsmann Stiftung in der Studie.

Neuronale Netzwerke, KI und selbst lernende Algorithmen machen im Grunde nichts anderes als Ärzte: Sie erfassen und interpretieren Daten. Die Maschinen werden immer besser darin, eingehende Signale zu verstehen und davon in Bruchteilen von Sekunden Handlungsanleitungen abzuleiten. In einer idealen Welt würde das bedeuten, dass die ausgewerteten Patientendaten dazu herangezogen werden, die bestmögliche Therapie in die Wege zu leiten. Allerdings stehen oft auch ökonomische Interessen im Vordergrund, so die Studie. So geht aus der Bestandsaufnahme hervor, dass mittlerweile jedes der betrachteten Unternehmen über Partnerschaften, Investitionen oder Akquisitionen mit dem Gesundheitssektor verbunden ist. „Da es sich bei Gesundheit um einen Wachstumsmarkt handelt, ist davon auszugehen, dass die Tech-Konzerne ihre Aktivitäten kontinuierlich ausweiten werden. In der Folge könne das zum Aufbau von Parallelstrukturen zum bestehenden Gesundheitssystem führen“, heißt es konkret.

Experte warnt vor „Abstimmung mit den Füßen“

„Diese Entwicklung trifft auf Patienten, die via Internet besser informiert sind und höhere Ansprüche stellen. Sie googeln vor dem Arzt-Termin, wollen diesen dann auch gleich online buchen und sich unnötige Wege sparen. Das prägt die Arztwahl“, sagt Prof. Dr. David Matusiewicz, Dekan und Institutsdirektor der FOM Hochschule und Experte in den Bereichen Digitalisierung im Gesundheitswesen sowie digitale Gesundheit. (zum ausführlichen Interview) „Dieses Abstimmen mit den Füßen verändert jede Arztpraxis. Wer eine Arztpraxis führt, tut gut daran, sich zeitnah damit zu beschäftigen.“

Diesen dringenden Rat unterstreicht auch das ETL-Meinungsbarometer: „Das Patientenverhalten unserer Gesellschaft verändert sich. Profiteure werden diejenigen Mediziner sein, die diese neuen Patientenbedürfnisse erkennen und darauf aktiv reagieren“, heißt es dort. Umfrageleiterin Janine Peine, Steuerberaterin und Expertin im Gesundheitswesen für den Bereich Ärzte und Zahnärzte, sieht direkte Parallelen zur Entwicklung im Einzelhandel, wo der Boom des E-Commerce mit einem Niedergang des stationären Handels einhergeht. Dort seien mittlerweile große Zusammenschlüsse und Ketten vorherrschend. Kleine Geschäfte müssten heutzutage ideenreich und innovativ sein, um sich in ihrer Nische behaupten zu können.

„Spätestens mit der Pandemie haben digitale Veränderungen einerseits das Bewusstsein der Patienten erreicht“, sagt Janine Peine. „Andererseits ist im Gesundheitswesen ein Trend zu größeren Praxen und medizinischen Zusammenschlüssen erkennbar. In unseren Städten entstehen Ärztezentren ähnlich wie seinerzeit Einkaufszentren. Digitalangebote und Erreichbarkeit zu quasi jeder Tageszeit werden in immer mehr Praxen umgesetzt und von Patienten geschätzt. E-Health-Leistungen werden langfristig die Bedürfnisse der Patienten bedienen und ihr Einsatz von ihnen folglich immer mehr eingefordert.“ Daraus werde eine patientenorientierte Entwicklung folgen, der sich die Mediziner nicht entziehen können. Aus Onlineshoppenden werden Onlinepatienten.

„Ärzte, die sich diesem Trend dauerhaft widersetzen, laufen Gefahr, für eine junge und moderne Zielgruppe der Patienten nicht mehr attraktiv zu sein und am Arbeitsmarkt auch nicht“, so Janine Peine. „Ärzte müssen diesen Trend erkennen, sich anpassen und neue freie Zeitressourcen schaffen etwa mit Online-Terminvergabe oder Online-Sprechstunden. Ärzte sollten versuchen, den Widerstand gegen die Digitalisierung zu überwinden, zu schauen, welche digitalen Produkte es gibt, damit die Praxis attraktiver und zeitgemäßer wird. Das Vogel-Strauß-Prinzip wird zumindest langfristig keine Lösung sein. Diesen Praxen wird es sonst ähnlich ergehen wie seinerzeit dem Einzelhändler.“

Hybride Praxen und Health-as-a-Service

Neue Möglichkeiten, den Arztberuf selbst zeitgemäßer zu gestalten, gibt es lauf Professor Dr. Matusiewicz durchaus, Beispiel Hybride Praxen: „In Zukunft werden viele Praxen einen eigenen telemedizinischen Behandlungsraum haben. Dann behandeln Sie um 10.15 Uhr einen Patienten in Zimmer 2 und um 10.30 Uhr geht es zur Videosprechstunde ins Telemedizinzimmer. Freiberufliche Ärzte können mit Hilfe von Videosprechstunden und Online-Bezahldiensten relativ einfach ihren eigenen Telemedizindienst gründen. Es gibt bereits Modellprojekte in ländlichen Regionen, in denen kein Arzt vor Ort ist. Dabei nimmt eine MFA die physische Untersuchung vor, misst den Blutdruck und der Arzt ist per Videosprechstunde zugeschaltet. Und am Markt wird es Anbieter geben, die die dafür benötigte Technologie nach dem Plug-and-Play-Prinzip anbieten.“

Im Zweifelsfall wird es dann einer der Tech-Giganten sein, der so etwas aufgleist. „Viele dieser Unternehmen legen den Schwerpunkt auf Healthcare Cloud Computing, im Fachjargon auch als „Health-as-a-Service“ bezeichnet. Es ermöglicht Akteuren des Gesundheitswesens, große Datenmengen zu speichern, zu organisieren und zu verwalten sowie sich über Sektorengrenzen hinweg zu vernetzen“, so Professor Matusiewicz. Aktuelles Beispiel für so ein schnell wachsendes Angebot ist das Online-Buchungssystem Doctolib, mit dem nicht nur zahlreiche Arztpraxen, sondern auch Impfzentren die Terminbuchung von Patienten managen.

Kosmetik-Riese steigt ins Online-Apothekengeschäft ein

Derweil erreicht die Amazonisierung auch die Apotheken. So hat der Kosmetik-Riese Douglas das lukrative Apothekengeschäft entdeckt: Mit dem Zukauf der niederländischen Online-Apotheke disapo.de baut das Unternehmen seinen Onlinehandel aus. „Wir planen eine schrittweise Expansion des Online-Apothekenangebots in unsere europäischen Kernländer, womit wir in einen Markt mit einem Gesamtumsatz 2020 von mehr als 160 Milliarden Euro eintreten“, erklärte Vorstandsmitglied Vanessa Stützle den Schritt.

„Wie schon andere Mitbewerber warten alle darauf, dass sich in Deutschland das elektronische Rezept für Kassenrezepte durchsetzt“, kommentiert die Vize-Vorsitzende des Vereins Freie Ärzteschaft e.V., Dr. Silke Lüder, die aktuelle Entwicklung. Verbunden mit immer neuen Wegen für telemedizinische Konsultationen bei fremden Patienten locke hier offenbar ein großes Renditepotential für branchenfremde Player. Die Freie Ärzteschaft befürchtet vor diesem Hintergrund, das geplante E-Rezept könne zum Türöffner für die Übernahme des ambulanten Medizinbetriebes durch Großkonzerne werden. „Da fast allen Patienten künftig ein großformatiger Papierausdruck mit einem QR-Code mitgegeben wird – zusätzlich zur Weiterleitung des Rezeptes online an den zentralen Server – können die Kassenrezepte direkt über eine App an ausländische Versandapotheken weitergeleitet werden. Diese verweisen dann bei ihren Angeboten die Patienten teilweise direkt auf Telemedizinfirmen, mit denen sie kooperieren.“

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