„Unser gesamtes Gesundheitswesen wird zum Spekulationsobjekt!“

Professor Dr. mult. Eckhard Nagel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für
Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth, über die Auswirkungen des Einstiegs von privaten Finanzinvestoren in den Bereich der Kliniken und niedergelassenen Ärzte.

Von Heiner Sieger

Eine aktuelle Studie im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns kommt unter
anderem zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der investorengetragenen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) mit nahezu ungebremster Dynamik wächst. Stehen junge Ärzte, die ebenfalls eine Praxis übernehmen möchten oder mit Niederlassungswunsch, nun vermehrt in Konkurrenz zu kapitalstarken, privaten Investoren?

Diese Frage muss man in jedem Fall bejahen. Denn wir haben hier eine klassische Wettbewerbssituation, bei der damit eine wachsende Zahl von Bewerber:innen um den Zugang zu einem beschränkten Markt kämpft. Auf diesem Markt wird es zunehmend schwieriger für die jungen Kolleg:innen am Beginn ihrer Selbstständigkeit, wenn auf der anderen Seite ein finanzstarkes Institut steht und andere finanzielle Rahmenbedingungen anbieten kann. Bei Dialyseeinrichtungen zum Beispiel lässt sich das bereits sehr gut nachvollziehen. Dort sind in den letzten Jahren die Übernahmekosten exorbitant in die Höhe geschnellt, weil sich die Kapitalgeber hohe Gewinne versprechen. Das verändert unser Gesundheitswesen kolossal.

Wie bedroht ist die Unabhängigkeit der ärztlichen Entscheidungen, wenn die Erwirtschaftung hoher Überschüsse, wie bei Finanzinvestoren üblich, in den Vordergrund ärztlicher Entscheidungen rücken?

Es offensichtlich und legitim, dass eine von Ärzt:innen geführte Praxis solide Überschüsse erwirtschaften muss. Das ist auch in die ärztliche Gebührenordnung eingepreist. Aber wenn neben den Personal- und Sachkosten auch eine Dividende erwirtschaftet werden muss, i.d.R. ein Überschuss von zehn bis fünfzehn Prozent, stellt sich die Frage: Wie lässt sich das generieren? Klar, man kann Dinge besser organisieren, Prozesse optimieren und den Einkauf bündeln. Derartige Maßnahmen sind aber jetzt schon oft vollzogen. Nun wird weiter rationalisiert und an Personal gespart. Danach kann solch ein Überschuss nur finanziert werden aus Veränderungen bei Diagnose und Therapie, konkret aus der Reduzierung des
gesetzlichen Budgets und der Erweiterung der Selbstbeteiligung. Das bedeutet einen konsequenten Einstieg in den sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt. Diese Entwicklung wird durch den vermehrten Eintritt von Finanzinvestoren in diesem Markt in einem negativen Sinne gefördert. Der eine oder andere Arzt, der seine Praxis an Privat-Equity-Unternehmen oder Fonds verkauft hat und noch ein paar Jahre dort tätig ist, muss sich bereits entsprechenden Fragen der neuen Eigentümer stellen und Anweisungen gefallen lassen, kreative Wege zu finden, um die Rendite zu erhöhen. Das Interesse der privaten Geldgeber ist groß: Viele Ärztinnen oder Ärzte nehmen diesbezüglich inzwischen zwei Interessentenanrufe pro Woche entgegen – da ist richtig was los in den Praxen. Das ist auch der Grund, warum die Ärzte selbst das Thema jetzt in die Öffentlichkeit bringen, weil spürbar wird, dass sie damit eine wesentliche Grundlage des ärztlichen Behandlungsauftrages verlieren: die Therapiefreiheit.

Wie frei wird der freie Beruf Arzt künftig noch sein, wenn immer mehr Ärzte und MVZ zu Finanzinvestoren gehören?

Überhaupt nicht mehr, das ist ja das Problem. Weil hier ein Weg beschritten wird, der eine andere Logik in den Vordergrund stellt. Bisher lautet der ärztliche Behandlungsauftrag: Alles, was zum Wohle des Patienten notwendig und geboten ist, wird unternommen. Jetzt entwickelt sich aber eine neue Form der ärztlichen Rationalität, die eben den gegebenen ökonomischen Vorgaben folgt. Ein Kriterium dafür ist auch die oft vorzufindende Vertragsgestaltung für die dann angestellten Ärzte mit Beteiligung am Gewinn. Damit wird die finanzielle Anreizstruktur dominant.

Wird die Patientenversorgung zum Spekulationsobjekt?

Unserer gesamtes Gesundheitswessen wird zum Spekulationsobjekt! Und es stellt sich die Frage, ob die Grundprämisse der solidarischen und subsidiären Gesundheitsversorgung Bestand haben wird. Ich fürchte nein! Dann wird es beim Thema Gesundheit in Zukunft darauf ankommen, was Menschen sich finanziell erlauben können. Ich sehe das skeptisch, vor allem auch wegen der mangelnden Transparenz in Bezug auf die Geschäftstätigkeit der Finanzinvestoren. In einigen Augenarzt-Praxen in Süddeutschland steht es zwar schon auf dem Praxisschild, zu wem sie gehören. Aber die Patienten wissen doch nicht, was das bedeutet, weil sie nicht verstehen, wer dahintersteckt. In anderen Fällen wird das auch gar nicht ausgewiesen. Es ist ja selbst den Kassenärztlichen Vereinigungen nicht bekannt, welche Besitzverhältnisse bei den ambulanten Angeboten bestehen.

Ist es nicht eher so, dass durch die Kapitalkraft der Investoren und dem Drang zur Vernetzung der Praxen auch die Digitalisierung in den Arztpraxen zunimmt, zum Wohle der Patienten?

Gerade im ambulanten Bereich besteht in Sachen Digitalisierung und technologische Ausstattung ein immenser Unterschied zu den Kliniken, wo noch ein bemerkenswerter Investitionsstau herrscht. Gerade niedergelassene Ärzte sind meist in technologisch sehr gut ausgestatteten Praxen tätig. Und nein, das Gegenteil ist der Fall: Das Gesundheitssystem wird unnötig teurer, wenn andere Interessen reinspielen. Es wird dadurch nicht besser.

Welche Aufgabe fällt in dem Zusammenhang dem Staat zu?

Der Staat als verantwortlicher Regulierer sollte hier unbedingt eingreifen. Es ist eine Verpflichtung der Gesundheitsgesetzgebung, Transparenz zu schaffen. Und es liegt in öffentlicher Verantwortung, aus der Transparenz heraus zu untersuchen, ob das, was ich vorher geschildert habe, auch wirklich zutrifft. Generell müssten auch die Beschäftigen, die in den kapitalgetriebenen Einrichtungen tätig sind, nach ihren Erfahrungen befragt werden.
Die Ergebnisse muss man dann in die politische Debatte einbringen und gesellschaftlich entscheiden, ob wir den Weg der Finanzinvestoren gehen wollen oder den öffentlichen Sektor Gesundheit davor besonders schützen müssen. Das ist in anderen Bereichen, etwa Wasserwerken oder Stromversorgern schon geschehen, die nach dem ein oder anderen Desaster nun doch in kommunaler Hand bleiben sollen. Solche negativen Erfahrungen sollte man im Gesundheitswesen grundsätzlich gar nicht erst machen.

Prof. Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h.c. Eckhard Nagel

Prof. Eckhard Nagel ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth und Ärztlicher Direktor der Sonderkrankenanstalt für Kinder und Jugendliche vor und nach Organtransplantation „Ederhof“. Er ist Gastprofessor an der Tongji Medizinischen Fakultät der Huazhong Universität für Wissenschaft & Technologie und deutscher Präsident des Tongji Klinikums, Wuhan, China. Von 2001 bis 2008 war der habilitierte Transplantationschirurg Mitglied des Nationalen Ethikrats und von 2008 bis 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrats. Vorsitzender des Vorstandes der DGIV ab Oktober 2020. Ab September 2021 Mitglied im Vorstand der Health-Care Bayern e. V. und seit April 2022 Aufsichtsratsvorsitzender bei Vivantes.

Prof. Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h.c. Eckhard Nagel
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