Heal Capital – PKVen greifen nach den Gründern

Vor rund einem Jahr legten die Privaten Krankenversicherer einen eigenen Fonds auf, der bis zu 100 Millionen Euro in Start-ups rund um den Bereich „Digital Health“ investieren soll. Inzwischen sind die ersten drei Investments unter Dach und Fach. Sie sollen dazu beitragen, Versorgungslücken im Gesundheitssystem zu schließen.

Von Heiner Sieger

Das Fax hat demnächst fertig. Zumindest wenn es nach dem Bundesgesundheitsministerium geht. Künftig soll die Kommunikation der Leistungserbringer über den sicheren Fachdienst „Kommunikation im Medizinwesen“ (KIM) innerhalb der Telematikinfrastruktur stattfinden. Der dient allerdings in der Hauptsache zum Versenden von E-Mails und Dokumenten, weniger jedoch der zunehmend wichtiger werdenden Echtzeitkommunikation. Diese Lücke zu schließen, hat sich die aus den Niederlanden stammende Messenger-App „Siilo“ vorgenommen. Entwickelt wurde der Dienst von dem gleichnamigen, 2016 gegründeten Healthtech-Start-up in Amsterdam. Das junge Unternehmen ist bemüht, auch im deutschen Gesundheitswesen mit Hilfe der gematik technische Anforderungen für den sicheren Gebrauch von Messenger-Diensten zu definieren und zu etablieren. Leistungserbringer im Gesundheitswesen können über die App in Echtzeit kommunizieren, Gruppen gründen, aber auch Dokumente verschicken. Eine Viertel Millionen aktive Mitglieder machen Siilo bereits zum größten medizinischen Netzwerk in Europa, Nutzer gibt es in 180 Ländern.

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Private Krankenversicherungen greifen nach den Gründern

Mit „Heal Capital“ investieren PKVen in Gesundheits-Start-ups

Digitale Gesundheitsanwendungen wie Siilo sind derzeit mehr gefragt denn je. Und das liegt nicht nur an der Covid-19-Pandemie. Denn seit rund einem Jahr haben auch die Privaten Krankenkassen (PKV) in Deutschland die Gesundheits-Start-ups im Visier. Mit einem Zielvolumen von insgesamt 100 Millionen Euro wollen die PKVen diesen beim Wachstum helfen und selbst davon profitieren. „Das ist kein Spielgeld, sondern wird von einem professionellen Fondsmanagement intelligent und nach genauer Analyse angelegt. Die Auswahl der Beteiligungen überlassen wir komplett dem Fondsmanagement“, sagt PKV-Sprecher Stefan Reker. Die Versicherer hatten im September 2019 in Berlin den Fonds Heal Capital aufgelegt. Er soll sich explizit auf Gründungen im Bereich „Digital Health“ konzentrieren – dazu zählen Telemedizin-Anwendungen, Apps für die Prävention oder Vermittlungsplattformen für das Gesundheitswesen. Der Fokus liegt auf europäischen Unternehmen, die Prozesse entlang der „Digital Patient Journey“ vereinfachen.

Das Ziel von „Heal Capital“ – die Versorgungsqualität verbessern

„Mit diesem Investitions-Kapital wollen wir gezielt die Qualität der medizinischen Versorgung und die Digitalisierung vorantreiben“, beschreibt Ralf Kantak, Vorsitzender des Verbandes der Privaten Krankenversicherung das Ziel der Investitionen. „Wir wollen dazu beitragen, dass digitale Innovationen schneller in der Versorgung ankommen. Zum Beispiel mit Gesundheits-Apps, die Menschen mit chronischen Erkrankungen begleiten, mit digitalen Angeboten, die Patienten in der Prävention und in der Therapie-Sicherheit bei Arzneimitteln unterstützen und mit telemedizinischen Angeboten, die den Zugang zu ärztlicher Versorgung erleichtern.“ Der Fonds Heal Capital fördert die Start-ups deshalb nicht nur mit Investitions-Kapital, sondern unterstützt sie auch mit Knowhow beim Zugang zum medizinischen Versorgungsgeschehen. Dazu gehört für den PKV-Chef auch, dass die PKVen für innovative Angebote einen raschen Zugang zum Markt bieten kann, weil sie weniger Genehmigungsvorbehalte hat als die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). „Und je rascher der Marktzugang, desto schneller kommen die neuen Angebote auch den GKV-Versicherten zugute. So erweist sich der Wettbewerb im dualen System von GKV und PKV einmal mehr als gut für alle“, ist Ralf Kantak überzeugt.

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Die Vision – Führender europäischer VC-Fonds für die Schnittstelle zwischen Gesundheitswesen und Technologie

Der Verband der Privaten Krankenversicherungen hat sich für das Management des Fonds Heal Capital mit Heartbeat Labs und Flying Health zusammengetan. Die beiden Firmenschmieden, die jeweils selbst eine einstellige Millionensumme bei Heal Capital einbringen, werden die Geschäfte gemeinsam führen. Alle Mitgliedsunternehmen der PKVen können sich an dem Fonds beteiligen. 20 Private Krankenversicherer sind inzwischen dabei und geben dem Fonds entsprechend Rückenwind. Denn der strotzt vor Ehrgeiz: „Wir sind mit Heal Capital mit der Vision angetreten, den führenden europäischen VC-Fonds für die Schnittstelle zwischen Gesundheitswesen und Technologie zu etablieren”, sagt Christian Weiß, Geschäftsführer von Heal Capital.

Die Entscheidung für das erste Investment fiel dann auf Siilo, das im Rahmen einer Series-A-Finanzierungsrunde 9,5 Mio. Euro erhielt. So werden Venture Capital-Finanzierungen bezeichnet, die am Anfang der Markterschließung stattfinden, nachdem das Geschäftskonzept steht und der Marktauftritt gelungen ist. Heal Capital ist bei dieser Finanzierungsrunde Leitinvestor, mit Philips Health Technology Venture und EQT Ventures beteiligen sich zwei weitere Venture Capital-Investoren an der Finanzierung. Das ist ganz im Sinne von Dr. Joost Bruggemann, Mitgründer und CEO von Siilo. Der Arzt hatte seine Chirurgenkarriere vor fünf Jahren aufgegeben, weil er daran glaubte, so etwas wie das WhatsApp des Gesundheitswesens aufbauen zu können. Er ist überzeugt: „Traditionelle Methoden der Kommunikation und des Informationsaustauschs haben ihre Grenzen und strikte Trennungen können eine kooperative Versorgung behindern. Durch die Überbrückung der Silos, die Mediziner von Informationen, Kollegen, Gleichaltrigen und ihren Patienten trennen, lassen sich die Ergebnisse für die Patienten verbessern und eine kooperative Belegschaft schaffen.“

Die bisherigen Investitionen von „Heal Capital“ – Aller guten Dinge sind drei

Inzwischen hat Christian Weiß zwei weitere Start-up-Beteiligungen unter Dach und Fach gebracht, die den Zielen der PKVen entsprechen. Infermedica ist eine digitale Plattform für diagnostische Empfehlungen und Ersteinschätzungen von Symptomen, die in der Primärversorgung von Patienten zur Anwendung kommt. Damit unterstützt das HealthTech-Unternehmen zum Beispiel Versicherungen und Gesundheitsdienstleister dabei, eine effektive Patientenversorgung zu gestalten. Infermedica kombiniert medizinische Expertise mit KI-Algorithmen und Machine Learning und hat eine Software für die Vorabdiagnose von Patienten durch telemedizinisches Personal am Start: Viele Menschen suchen auch wegen kleinerer Verletzungen die Rettungsstellen der Krankenhäuser auf, obwohl kein notfallmedizinischer Bedarf vorliegt. Die individualisierbare Plattform bietet hier eine Ersteinschätzung von Symptomen, die in der Primärversorgung von Patienten angewandt wird und gibt diagnostische Empfehlungen. Das Start-up beschäftigt bereits ein Team aus mehr als 100 Spezialisten, darunter zahlreiche Ärzte, Datenwissenschaftler und Ingenieure. Die Software ist in 17 Sprachen verfügbar. Bislang wurden sechs Millionen solcher Gesundheitschecks weltweit durchgeführt.

Das dritte und jüngste Heal Capital Investment CereGate hat eine Software-Plattform für Neuromodulations-Therapien entwickelt. Mithilfe von Implantaten im Gehirn oder im Rückenmark können Symptome wie Gang- und Gleichgewichtsprobleme, zum Beispiel bei Parkinson-Patienten, behandelt werden. Die CereGate-Software soll völlig neue Therapieformen ermöglichen. „Wir übersetzen Informationen aus der Außenwelt in die Innenwelt der Patienten“, erklärt der Gründer und Geschäftsführer Bálint Varkuti. Zur Verwirklichung seiner klinischen Vision hat das Unternehmen eine neuartige Methode entwickelt, mit der sie den Prozess des sogenannten „Mind Writings“ in die heutige konventionelle Tiefenhirnstimulation und andere hochmoderne Neuromodulationssysteme einbringt. Die Computer-Brain-Interface-Technologie von CereGate ist in der Lage, Informationen in das Gehirn zu „schreiben“ oder zu „übertragen“, anstatt nur passiv laufende neuronale Aktivität zu interpretieren. Hinter dem 2019 von Dr. Bálint Várkuti gegründeten Unternehmen steht ein Expertenteam mit jahrzehntelanger Erfahrung in den Bereichen Neurotechnologie und Neuromodulation.

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