Ein Change-Projekt, das Krankenhäuser über Jahre begleiten wird.

Jörg Asma, Partner und Experte für die Krankenhaus-Digitalisierung bei PwC Deutschland über die richtige Planung von 5G in Bezug auf mögliche Anwendungsfälle sowie die Wirtschaftlichkeit und Sicherheit der Funknetz-Technologie beim Einsatz in Krankenhäusern.

Von Heiner Sieger

E-Health funktioniert in Deutschland so schlecht, wie fast nirgendwo in Europa. Was kann – oder besser muss – die neue 5G-Technologie daran ändern?

Ohne geeignete Infrastruktur funktioniert Digitalisierung nicht. Krankenhäuser sollten daher überlegen, ob es leichter zu verbauende und kostengünstigere Netzwerkstrukturen gibt als WLAN. Aus Kundenprojekten wissen wir, dass bis zu 60 Prozent Kostenreduzierungen möglich sind – ohne den laufenden Betrieb beim Umbau zu stören. Es kann mit 5G eine sehr viel höhere Anzahl von Geräten vernetzt werden. Dadurch lässt sich die Lebensqualität von Patienten deutlich verbessern, zum Beispiel mit Wearables wie einer Insulinpumpe oder Hörimplantaten. Diese lassen sich mit 5G in hoher Geschwindigkeit und mit hohem Datendurchsatz, quasi in Echtzeit zum Beispiel mit einer Smart Watch, verbinden.

Wie wird sich 5G auf Einsatz und Nutzung von Telematikdienstleistungen auswirken?

Spannend wird es, wenn etwa während der Visite schon Arztbriefe vorbereitet werden. Diese können mit dieser Technologie flächendeckend in der Klinik aufgenommen werden. Und in Zukunft kommt neben dem Kommunikationsdienst KIM (Kommunikation im Medizinwesen) spätestens 2023 TIM, der TI-Messenger. Das ist eine Art Whatsapp für Patienten, aber sehr viel sicherer. Darüber können Patienten dann beispielsweise mit dem Pflegepersonal kommunizieren. Das wäre zwar auch mit WLAN möglich, ist aber sehr viel aufwändiger. 5G ist eine Vernetzungstechnologie, die bei solchen Anwendungen betriebswirtschaftlicher, komfortabler und sicherer arbeitet.

Welche Pilotprojekte von Kliniken halten Sie für richtungsweisend?

Es gibt schon mehrere Kliniken in Deutschland, die sich mit 5G beschäftigen. Dabei gibt es derzeit zwei Vorgehensweisen: Die eine Fraktion wendet die Technologie mit speziellen Betreibern an. Die Anderen bestehen aus bestimmten Gründen darauf, betreiberneutral zu bleiben und sind gerade dabei, die passenden Betreibermodelle zu entwickeln.

Gibt es auch schon erste Leuchttürme in dem Bereich?

Leuchttürme gibt es noch nicht wirklich. Aber Vorreiter durchaus. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich schon jetzt mit künftigen Anwendungsfällen beschäftigen und systematisch in die Entscheidung zu einer Technologieauswahl und einem Betreibermodell gehen. Wer sich frühzeitig darum kümmert, wird auf jeden Fall Kostenvorteile gegenüber denjenigen haben, die später kommen. Hier greift, wie meist beim Einsatz neuer Technologien die sogenannte First-Mover-Advantage.

Welche konkreten Vorteile bieten hier Campus-Netzwerke den Kliniken?

Die Kernfrage ist, ob man den Betrieb des Funknetzes aus der Hand gibt oder selbst organisiert. Tritt man selbst als Betreiber auf, muss man die Technologie beschaffen, betreiben und warten. Der Vorteil dabei: Man hat den vollen Zugriff und ist autark innerhalb der eigenen Sphäre. Bei einem Betreibermodell kann man das komplette Technologiemanagement abgeben, muss sich aber darauf verlassen, dass der Betreiber liefert wie geschuldet. Wer ein KRITIS-Krankenhaus ist, muss eigentlich ein hohes Interesse daran haben, sein Netzwerk selbst zu beherrschen.

Welche Rolle spielt das Network Slicing im Rahmen von Campus-Netzwerken?

In einem bestehenden 5G-Netzwerk lassen sich Netzsegmente bilden, die virtuell als getrennte Netze betrachtet werden, obwohl sie von derselben Antenne bedient werden. Damit lassen sich Anwendungsfälle generieren, wie zum Beispiel, dass man ein Medizingeräte-Netzwerk und ein Patienten-Entertainment-Netzwerk parallel auf derselben Funkstruktur betreibt, sie aber unter Sicherheitsgesichtspunkten voneinander trennt.

Wie schwer oder leicht, lässt sich eine solche neue IT-Technologie überhaupt umsetzen und was sollten Kliniken dabei im Voraus bedenken, auch im Blick auf mögliche künftige Anforderungen und Use Cases?

Technologiewandel ist immer schwer. Und hier wandeln sich die Technologie und in der Folge dann sukzessive die Gerätelandschaft – und damit auch die Prozesse. Das ist ein Change-Projekt, das Krankenhäuser über Jahre begleiten wird. Unsere Empfehlung lautet: Starten mit einer Big Picture-Planung, die schon Use Cases einbindet, die man künftig errichten will, beziehungsweise vorhersieht. Dann gewinnt man eine Landkarte, die man über Jahre ausfüllen kann. Ein Anwendungsbeispiel ist etwa das Indoor-Positioning: Man kann ich Echtzeit nachverfolgen, wo sich Personen oder Geräte gerade befinden. Es lassen sich aber auch ein 3D-Bildüberlagerungssystem im OP oder 3D-Brillen einbinden. Daher ist es wichtig, das Netz nicht zu klein, aber auch nicht zu groß bauen – eben je nachdem, was man später noch vorhat.

Birgt der Ausbau der 5G-Infrastruktur auch neue Angriffsflächen für Cyberattacken? Haben Kliniken dann überhaupt das nötige Fachpersonal?

Aufgrund des technologischen Designs ist eine 5G-Infrastruktur deutlich sicherer als eine WLAN-Infrastruktur. Da gibt es sehr viel mehr Geräte, die angegriffen werden können. Das vorhandene Fachpersonal sollte daher eher auf den Einsatz einer zukunftsgerichteten Technologie geschult werden.

Können Kliniken auch Mittel aus dem „Zukunftsprogramm Krankenhäuser“ abrufen für den 5G-Ausbau?

Solche Mittel gibt es, aber man muss darauf achten, sie richtig zu beantragen. In den Fördertatbeständen lassen sich zum Beispiel Infrastrukturmaßnahmen einbinden. Für einige Mandanten in dem Bereich haben wir das auch schon mit beantragt. Allerdings muss man eine Selektion treffen, welche Infrastruktur eingesetzt wird. Wenn man das richtig und offen anlegt, dann steigt die Wahrscheinlichkeit der Zusage für eine Förderung.

*Jörg Asma

Partner und Experte für die Krankenhaus-Digitalisierung bei PwC Deutschland

Jörg Asma, Partner und Experte für die Krankenhaus-Digitalisierung bei PwC Deutschland
©Jörg Asma

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