Digitalisierung im Krankenhaus: Das „Smart Hospital“

Dr. Klaus-Uwe Höffgen ist Chief Information Officer (CIO) und Chief Digital Officer (CDO) von vier fusionierten Kliniken: der Rheinland Klinikum Neuss GmbH mit den zwei Kliniken Lukaskrankenhaus und der Rheintor Klinik in Neuss, dem Elisabethkrankenhaus in Grevenbroich sowie dem Rheinland Klinikum Dormagen. Ein Gespräch darüber, wie sich der nüchterne IT-Alltag und die visionären Herausforderungen der Digitalisierung in einem Fusionsprozess Schritt für Schritt unter einen Hut bringen lassen.

Von Heiner Sieger

Was ist Ihre grundsätzliche Herausforderung vor dem Hintergrund der Krankenhausfusion – aus Sicht des CIO und aus Sicht des CDO?

Die zentrale Frage ist: Wie bekommen wir als fusioniertes Krankenhaus die Synergien gehoben? Viele Themen sind bei uns vor allem fusionsbedingt, wie die Harmonisierung von Infrastrukturen und Applikationen. Dahinter stecken aber auch viele Prozessthemen. Das spielt eine Rolle, wenn man gleichzeitig CDO ist, der sich auch dann einmischt, wenn man als IT-Mensch gar nicht gefragt würde. Da stehen Themen an, die mehr den CDO als den CIO beschäftigen, wie die Harmonisierung der Finanzsysteme oder die der Patientenabrechnung. Das darf man nicht nur aus IT-Sicht betrachten, sondern muss über den Tellerrand schauen und analysieren, wie diese Systeme laufen und wie sie die Prozesse unterstützen. Dann sieht man das Potential zur Optimierung und Automatisierung von Abläufen. Spannend ist auch das digitale Archiv: Das Zusammenführen der digitalen Patientenakten braucht eine einheitliche Aktenstruktur, da ist man dann auch schnell in den Dokumentationsprozessen. Da würde ich wiederum als CIO keine Hebel finden, mich einmischen zu dürfen.

Dr. Klaus-Uwe Höffgen über Digitalisierung im Krankenhaus
© Dr. Klaus-Uwe Höffgen
Dr. Klaus-Uwe Höffgen über Digitalisierung im Krankenhaus

Prioritäten bei der Krankenhausfusion: Gute Infrastruktur ist wichtig

Haben Sie konkrete Ziele für Ihre Arbeit ausgegeben?  Welche davon haben Sie schon erreicht oder sind auf einem guten Weg dahin?

Wichtig war, sich einen Fusionsweg zu überlegen. Was müssen wir am schnellsten harmonisieren und was sollte in der zweiten und dritten Phase folgen? Vorrang hat zunächst die Infrastruktur wie Arbeitsplatzsysteme und E-Mail-Clients. Hierüber ermöglichen wir das Zusammenwachsen der fusionierten Einheiten auf allen Ebenen. Wir haben ein Zielbild erarbeitet, wie unser Krankenhausarbeitsplatz 2021 aussieht. Das setzen wir jetzt um. Auf der Anwendungsseite gibt es ebenfalls viel zu tun. Ein einheitliches Krankenhausinformationssystem ist dabei eine große Herausforderung, das haben wir aber zurückgestellt. Wir versuchen zuerst das digitale Archiv zu vereinheitlichen. Darüber hinaus haben wir einen Fahrplan, wie unsere Anwendungslandschaft in den folgenden Jahren Zug um Zug harmonisiert wird. Dabei muss man sich bei allem, was man angeht, erst mal den Benefit vor Augen führen. Parallel sind wir dabei, eine Digitalstrategie aufzusetzen – ich bin aktuell zu 70 Prozent CIO mit Schwerpunkt auf Infrastruktur und Anwendungslandschaft, aber wir müssen auch strategisch weiterdenken. Einerseits treibt die gesetzlich vorgeschriebene Telematikinfrastruktur den Druck zur Digitalisierung. Andererseits sollten wir uns als Krankenhaus auch überlegen, was wir tun müssen, um bei der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren und darüber den Patientennutzen zu steigern.

Anwendungen der Telematikinfrastruktur sind wertvoll

Aber schafft die Telematikinfrastruktur mit ihren Anwendungen wie der elektronischen Patientenakte (ePA), der Speicherung von Notfall- und Medikationsdaten auf den Gesundheitskarten oder der eArztbrief und das E-Rezept nicht genau diese Verbindung zwischen gesetzlichen Vorschriften und dem Nutzen für Patienten und Ärzte?

Natürlich sind die genannten Anwendungen wertvoll für den Patienten. Im europäischen Vergleich muss Deutschland hier schnell aufholen, da sind andere Länder deutlich weiter. Allerdings befindet sich die Ausgestaltung dieser Anwendungen noch in intensiven Abstimmungen zwischen den beteiligten Akteuren unseres Gesundheitssystems, was den gesetzlich vorgegebenen Zeitplan massiv unter Druck bringt. Somit ist es wichtig, sich bei der Digitalisierung nicht ausschließlich auf diese gesetzlich vorgegebenen Themen zu fokussieren, sondern weitere Anwendungsfelder zu betrachten.

Was haben Sie da im Visier?

Zum Beispiel die Patientenjourney, also den Weg des Patienten in seinem Durchlauf durch das Krankenhaus. Das verfolgen auch andere Kliniken als Ansatzpunkt, analog der Customer Journey in Industrie und Handel. Dazu muss man sich in die Rolle des Patienten versetzen: Was erwartet er vor dem Klinikbesuch und was während und nach dem Klinikaufenthalt? Dazu zählen vor der Krankenhaus-Aufnahme grundsätzliche Informationen über Behandlungsmethoden sowie ein erster Blick auf notwendige Aufklärungsbögen, ein Lageplan des Klinikums ist hilfreich, aber auch die Vereinfachung der Patientenaufnahme, die man bereits im Vorfeld vorbereiten kann. Etwa durch einen automatischen Check-in von zu Hause aus per QR-Code wie beim Hotel oder einer Airline. Ein nächster Schritt wäre es, während des Aufenthalts Behandlungspläne abrufbar zu machen, aber auch ein Blick in den Speiseplan wäre wünschenswert. Das sind Dinge, die zum „Smart Hospital“ dazugehören, um dem Patienten das Erleben des Krankenhausaufenthaltes durch transparente Information positiver zu gestalten. Beim Entlassmanagement könnten wir dem Patienten neben dem Arztbrief auch Informationen zur Nachsorge mit auf den Weg geben, die seinen weiteren Heilungsprozess positiv beeinflussen. Davon sind wir noch weit entfernt. Aber wenn man Digitalisierung betreiben möchte, muss man eine Vision entwickeln, entsprechende Ziele ableiten und schrittweise darauf zuarbeiten. Aktuell sind wir dabei, einen elektronischen Terminkalender aufzusetzen, in dem Termine online buchbar sind. Das wäre dann so ein erster Meilenstein.

Sie haben Fragen zur Anbindung an die Telematikinfrastruktur?

Wir beraten und unterstützen Sie gerne!

Wie meistern Sie den Spagat zwischen Innovation und IT-Sicherheit?

Das zu unserem Klinikverbund gehörende Lukaskrankenhaus hatte als erste Klinik in Deutschland einen Cyberangriff öffentlich gemacht, das war im Jahr 2016. Das hat natürlich unsere Sinne geschärft, ich lebe heute noch mit den Auswirkungen. Als direkt Betroffener sieht man solche Risiken danach mit anderen Augen. Wenn Sicherheit vor Funktionalität geht, was nachvollziehbar ist, wird möglicherweise eine Innovation ausgebremst, sofern die Security nicht ausreichend gewährleistet werden kann. Mir ist aber wichtig, dass wir uns wieder auf alte Tugenden besinnen und uns innovativ und digital weiterentwickeln. Mobile Visite und die digitale Patientenakte hatten wir bereits 2016 in einigen Stationen umgesetzt. Das hat natürlich den jungen Ärzten gefallen und uns seinerzeit als Arbeitgeber sehr attraktiv gemacht. Inzwischen sind wir, was Innovationen angeht, nicht mehr unbedingt in der Spitzengruppe, aber wir wollen wieder aufschließen.

Digitalisierung im Krankenhaus: „Smart Hospital“ – Von Behandlungs- bis hin zu Speiseplänen

Wo stoßen Sie am ehesten auf Hürden und Schwierigkeiten?

Infrastruktur und knappe Finanzmittel sind bei kommunalen Krankenhäusern schon immer die Schmerzpunkte. Die grundsätzliche Frage dabei ist, wie modernisiere ich z.B. die Arbeitsplatzstruktur, die Server und Speicherverwaltung? Da ist noch lange nicht alles State-of-the-Art, da habe ich noch viel zu tun. Das führt dazu, dass man im Klinikalltag häufig auf seine IT-Hausaufgaben zurückgeworfen wird, bevor man daran gehen kann, die digitale Transformation umzusetzen. Die große Herausforderung ist aber, das schon mitzudenken.

Dennoch  arbeiten Sie sich Stück für Stück voran. Was haben Sie in Ihrer Klinik schon automatisiert, wo kommen künstliche Intelligenz und andere digitale Technologien zum Einsatz?

KI setzen wir schon sehr wirkungsvoll im Bereich Security ein. Da haben wir einige Tools zur Netzwerküberwachung, die Anomalitäten nicht nur mustergestützt, sondern selbstlernend erkennen und Alarm schlagen. Wir wollen KI aber auch in der Radiologie einsetzen, um die Arbeit in der Bildauswertung zu unterstützen. Da sind wir gerade in der Planungsphase, denn da gibt es schon innovative Tools am Markt. Ein großes Thema ist auch die Robotik. In der Chirurgie nutzen Professor Alexis Ulrich, Chefarzt der Chirurgischen Klinik I im Lukaskrankenhaus, und sein Team seit drei Monaten einen Chirurgie-Roboter, den berühmten Da Vinci, aktuell das Nonplusultra. Im Januar dieses Jahres hat Professor Michael Haude, Chefarzt der Medizinischen Klinik I im Lukaskrankenhaus, erste kardiologische Eingriffe in Deutschland mit einem Kardiologieroboter begonnen und einen Patienten damit am Herzen operiert. Das zu dem Thema, wie modern und innovativ sich ein Klinikum aufstellt.

Digitalisierung im Krankenhaus – Robotereinsatz im OP und Automatisierung in der Verwaltung

Welche Vorteile bringt das für das Klinikpersonal und für die Patienten?

Digitalisierung im Krankenhaus bringt Nutzen an verschiedenen Stellen. Der Roboter hilft, Operationsmethoden zu optimieren und präzisieren, und nutzt den Patienten. In den Verwaltungsprozessen bringt Automatisierung mehr Effizienz und vermeidet z.B. Fehler in den Abrechnungen. Hier ist noch viel Optimierungspotential. Für die Mitarbeiter lässt sich Vieles von Papier befreien durch bessere Prozesse. Das gibt uns dann auch mehr Flexibilität, was das Thema Home Office angeht. Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Krise ist das ja ein zentrales Thema.

Führen Investitionen im Bereich Digitalisierung auch zu mehr Wirtschaftlichkeit des Klinikbetriebs?

Das ist aktuell schwer zu sagen, da sich in der Corona-Zeit gerade was Abrechnung angeht vieles anders darstellt. Grundsätzlich bekommen wir nicht mehr vergütet, nur weil etwas mit Digitalisierung zu tun hat oder wir mit einem Roboter operieren. Bezüglich Wirtschaftlichkeit muss man genau analysieren, was im Vergütungssystem honoriert wird und was nicht. Aber im medizinischen Bereich geht es ja auch um mehr Qualität und Patientennutzen. Bei den Verwaltungsprozessen ist Wirtschaftlichkeit dagegen leichter analysierbar und wesentlicher Treiber für unsere Digitalisierungsmaßnahmen.

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Wie gehen Sie für sich mit dem geschilderten inneren Widerstreit um, der hin und wieder zwischen CIO und CDO auftritt?

Der Spagat zwischen CIO und CDO ist immer wieder spannend: auf der einen Seite seine (IT-) Hausaufgaben zu machen und auf der anderen Seite eine Vision für die Digitalisierung zu entwerfen. Wichtig ist es, die Balance herauszustellen – nicht nur der CDO mit dem Kopf in den Wolken, sondern auch der CIO mit beiden Füßen auf dem Boden. Da gilt es, beide Seiten zusammenzubringen. Ob mir das gelingt? Da müssen Sie andere fragen, ich hoffe natürlich, mein Ruf im Haus ist gut.

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