Das ist erschreckend!

Diplom-Informatiker und Digital Health Experte Jörg Schiemann über die Besonderheiten, den holprigen Marktstart und unzureichendes Marketing der Digitalen Gesundheits-Apps.

Von Heiner Sieger

Wie unterscheiden sich die Digitalen Gesundheits-Apps – kurz DiGA – von anderen Gesundheits-Apps?

In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 100.000 Gesundheits-Apps, weltweit sogar mehrere Millionen. Von den 100.000 Apps sind in Deutschland heute mehr als 100 als ‚Medizinprodukt‘ am Markt zugelassen, das heißt, diese Apps haben eine geprüfte Funktionalität in Richtung Diagnose oder Therapie und verfügen über eine CE-Zulassung. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie auch auf breiter Basis verschrieben und erstattet werden. Meist werden sie über Selektivverträge mit einzelnen Krankenkassen deren Versicherten zur Verfügung gestellt.

DiGA gibt es derzeit 30. Diese haben zusätzlich auch nachgewiesen, dass sie einen medizinischen Nutzen für den Anwender haben. Zehn dieser DiGA sind bereits dauerhaft zugelassen und 20 weitere sind vorläufig zugelassen. Sie müssen noch innerhalb von 12 Monaten nachweisen, dass sie tatsächlich wirken. Übrigens sind gar nicht alle 30 DiGA reine Apps, das sind nur die Hälfte. Die andere Hälfte wird via Browser angeboten, hat damit aber auch meist eine mobile Nutzbarkeit.

Wie kommt man als Patient in deren Genuss?

Der Haus- oder Facharzt muss die DiGA verschreiben. Diese behandeln aber in der Regel eine spezifische Krankheit, sodass vor allem Fachärzte darauf zurückgreifen. Psychotherapeuten und -therapeutinnen dürfen sie übrigens ebenfalls verschreiben. Wer eine entsprechende Krankheit hat, etwa Tinnitus, und eine entsprechende Bescheinigung vom Arzt besitzt, kann diese auch direkt bei seiner Krankenkasse vorlegen und sich die Nutzung der DiGA erstatten lassen.

Die DiGA sind schon seit einem Jahr am Markt, aber die geringe Zahl der Verschreibungen lässt vermuten, dass Patienten und Ärzte sie entweder noch nicht kennen oder nicht schätzen. Das ist doch vergleichsweise holprig. Betreiben die DiGA zu wenig Marketing für ihre Angebote?

Es gibt in Deutschland mehr als 400.000 Ärzte in der Ärztekammer als Zielpersonen. Diese haben möglicherweise derzeit mit Corona auch zu wenig Zeit, sich intensiv um das Thema zu kümmern. Aber es gibt auch Widerstände zu überwinden und Überzeugungsarbeit zu leisten. Hier könnten die Anbieter womöglich mehr tun.

Ist es in dem Zusammenhang nicht eigenartig, dass manche DiGA nicht bereit sind, mit Journalisten oder Testern zusammenzuarbeiten?

Das ist erschreckend! Es sollte doch eine offene Informationspolitik der Anbieter vor allem bei so einem sensiblen Thema wie der Gesundheit an der Tagesordnung sein. Die Stiftung Warentest hatte zum Beispiel kürzlich einen Test von Apps zu Angststörungen gemacht. Dabei haben zwei von sieben Anbietern nicht mit den Testern kooperiert. Eine solche Chance nicht anzunehmen, halte ich für fahrlässig.

Dann ist es auch wenig verwunderlich, wenn sich Ärzte teilweise weigern, diese DiGA zu verschreiben?

Es könnte durchaus sein, dass Ärzte noch nicht umfassend in Bezug auf den Nutzen der DiGA informiert sind. Oft ist es aber auch schwierig für den Arzt, zu entscheiden, ob der jeweilige Patient digital-affin genug ist, um die entsprechende App auch zu nutzen.

Wer könnte denn da die digitale Kompetenz der Patienten steigern?

Das ist unter anderem eine Aufgabe der gesetzlichen Krankenkassen, denen der Gesetzgeber das ausdrücklich mitgegeben hat. Diese sind aber gerade erst dabei, entsprechende Angebote aufzubauen.

Was muss ich als Patient tun, um so eine Verschreibung zu bekommen?

Erste Voraussetzung ist es, eine DiGA zu finden, die zur eigenen Krankheit passt. Dann sollte man den behandelnden Arzt darauf ansprechen, sich ein Rezept ausstellen oder, wie oben beschrieben, die entsprechende Diagnose erstellen zu lassen, die zur Nutzung der App berechtigt und dies bei der Krankenkasse vorlegen.

Wie und wo kann ich mich als Arzt, aber auch als Patient am besten über die DiGA informieren?

Einen sehr guten Überblick liefert die Homepage der Bundesanstalt für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM, unter dem Link www.diga.bfarm.de. Inzwischen bieten beispielsweise auch regionale Volkshochschulen informative Vorträge an und auch die Hersteller der DiGA haben auf ihren Seiten patientengerechte Informationen aufbereitet.

*Jörg Schiemann

Diplom-Informatiker und Digital Health Experte

DiGA-Check, Apps auf Rezept, Jörg Schiemann
© www.joerg-schiemann.de

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