Äpfel, Birnen, Unfug: Liebe ARD, wir müssen reden!

Viele Medien begleiten die Digitalisierung im Gesundheitswesen sachkundig und kritisch. Ausgerechnet die ARD produziert Skandalberichte, wo es keine Skandale gibt.

Ich räume ein: Beim Verfassen der folgenden Zeilen ist es nicht immer leicht gewesen, die Grenzen der wertschätzenden Kommunikation zu wahren. Sollte das nicht in jedem Satz gelungen sein, bitte ich um Entschuldigung.

Nachdem wir uns beruflich damit beschäftigen, Menschen durch die Veränderungsprozesse zu begleiten, die mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens verbunden sind, verfolgen wir die mediale Berichterstattung zu diesem Thema aufmerksam. Und horchen natürlich auf, wenn das ARD-Flaggschiff – die Tagesthemen – uns alarmiert: „Millionenfacher Diebstahl sensibler Kranken-Daten“ lautet am 09.02.2020 die Schlagzeile für einen Beitrag, der im Internetauftritt der ARD mit dem Etikett „investigativ“ versehen wird.

Screenshot Beitrag "Millionenfacher Diebstahl Sensibler Kranken-Daten", ARD
© Screenshot/ARD/Tagesschau
Screenshot: "Millionenfacher Diebstahl sensibler Kranken-Daten", ARD

Journalistische Sünde Nummer 1

Den Diebstahl, das stellt sich schnell heraus, hat es nicht gegeben. Die Zeile, die inzwischen gut im Internet verbreitet ist, beruht auf einer potenziellen Bedrohung, die die Beitragsmacher ausgemacht zu haben glauben. Aber dass die Daten, die von den Investigativ-Fachleuten in Gefahr gesehen werden, tatsächlich gestohlen sind, wird weder nachgewiesen noch im Beitrag überhaupt behauptet.

Ist auch nicht möglich. Denn der skandalträchtigen Schlussfolgerung liegt die ahnungslose Verwechslung von Äpfeln, Birnen und weiteren Obstsorten zugrunde.

Journalistische Sünde Nummer 2

Damit zur journalistischen Sünde Nummer 2, die in der Veröffentlichung eines TV-Beitrags beruht, in dem die wenigen zutreffenden Aussagen in falsche Zusammenhänge gestellt und durch eine bestürzende Menge an Falschaussagen dominiert werden. Diese stammen einerseits von einem besorgten Arzt, dessen auf offensichtlicher Unkenntnis beruhende Sätze den Journalisten keine Überprüfung wert waren. Diese wäre insofern hilfreich gewesen, als dass auf diesem Wege die Möglichkeit bestanden hätte, zumindest Basis-Sachkunde bei den Autoren des Beitrags aufzubauen. Der Verzicht darauf hat zum Ergebnis, dass in nahezu jedem Abschnitt des Beitragstextes der Journalisten Aussagen enthalten sind, die einem Faktencheck nicht standhalten.

  • Nein, man muss nicht investigativ recherchieren, um den Unterschied zwischen dem Internet und der Telematikinfrastruktur zu verstehen. Kann man ironischerweise an vielen Stellen im Internet finden. Zum Beispiel bei der zuständigen Betreibergesellschaft gematik oder den vielen Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen. Zur Not einfach bei Google eingeben.
  • Man muss eigentlich auch nur Zeitung lesen, um zu wissen, dass es falsch ist, dem besorgten Mediziner nachzusprechen, er müsse Diagnosen, Röntgenbilder und Rezepte so speichern, dass sie online verfügbar für die Krankenkassen sind. – So ist es nämlich nicht.
  • Und deshalb sind diese Daten – die ja dort nicht gespeichert sind – auch nicht gefährdet.
  • Und schon gar nicht gestohlen.

Da haben wir leider einen Fall von journalistischem Totalversagen, das genau so benannt werden muss, damit sich die Falschaussagen nicht unwidersprochen im ARD-Kosmos verstetigen. Denn die Digitalisierung im Gesundheitswesen und die damit verbundenen Verunsicherungen brauchen kenntnisreiche Kommunikation, wenn die unbestrittenen Verbesserungspotenziale für den Gesundheitszustand der Menschen und ihre medizinische Behandlung durch Ärzte zur Geltung gebracht werden sollen. Und man die unzweifelhaft damit verbundenen Risiken – zum Beispiel beim Thema Datenschutz – minimieren will. Dies alles wird mit Skandalisierungsbeiträgen, denen die sachliche Grundlage fehlt und die von kenntnisschwachen Autoren verfasst werden, nicht funktionieren.

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Warum werden Sachkenntnis und Faktentreue in den kommenden Monaten noch wichtiger?

Die Telematikinfrastruktur wurde und wird eingeführt, damit medizinische Daten im Rahmen eines gesicherten digitalen Übermittlungsverfahrens besser dokumentiert und besser verfügbar werden, als sie es in der analogen Papier- und Fax-Welt sind. Für den Austausch dieser Daten zwischen Ärzten untereinander und über Einrichtungsgrenzen hinweg, für den Austausch mit Patienten, Apothekern, Therapeuten. Das Speichern von Medikationsdaten auf Gesundheitskarten kann zum Beispiel helfen, die geschätzt etwa 250.000 Fälle jährlich zu reduzieren, in denen Menschen aufgrund vermeidbarer Medikationsfehler in Krankenhäuser eingeliefert werden. 250.000 Fälle im Jahr! Allein in Deutschland!

Diesem Ziel darf man Rechte, wie zum Beispiel jenes auf informationelle Selbstbestimmung, oder den Datenschutz nicht opfern. Aber wenn man als Journalist diese öffentlich verfügbaren Zahlen kennen würde, könnte man den Wunsch des erkennbar falsch informierten Mediziners nach Rückkehr zur nur ihm selbst zugänglichen Papierakte gern mal einordnen. Das ist dann kein Einknicken vor einer sinistren Datenklau- und Digitalisierungslobby, sondern die Ausgewogenheit, die das journalistische Handwerk gebietet. Das muss die ARD können. Und weil dieses Thema mit der Einführung des Rechts auf eine elektronische Patientenakte für gesetzlich Krankenversicherte im Jahr 2021 für zusätzlichen Informations- und Orientierungsbedarf bei Millionen Menschen in Deutschland sorgen wird, wäre es mit Sicherheit auch für die ARD angemessen, hausintern in den Aufbau von Know-how zu diesem Thema zu investieren, anstatt es übermotivierten und unterinformierten Investigativspezialisten mit eingebautem Drang zur Skandalisierung als Spielball zu überlassen.

Für all diejenigen, die das Thema der Digitalisierung im Gesundheitswesen für zu komplex halten, um es allgemeinverständlich und korrekt darzustellen, haben wir hier eine unvollständige Liste von öffentlich und privat betriebenen Informationsquellen sowie von Medien  zusammengestellt, die es nach unserer Wahrnehmung gut hinbekommen, über das Thema und die agierenden Personen sachlich und kritisch zu berichten.

 

Martin Fiedler

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