„13 Prozent der Kliniken haben Ramsch-Status“

Professor Dr. Boris Augurzky*, Kompetenzbereichsleiter Gesundheit am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Autor des Krankenhaus Rating Reports über die Konsolidierung im Klinikbereich und möglich Alternativen für eine umfassende Gesundheitsversorgung.

Von Heiner Sieger

2019 und 2020 wurden rund 60 Kliniken geschlossen. Wie viele Krankenhäuser gibt es demnächst noch?

Ich rechne mit mindestens 15 Prozent weniger bis 2030, vermutlich 20 Prozent weniger.

Ist die Versorgung der Patienten denn langfristig gewährleistet?

Das werden nicht unbedingt reine Klinikschließungen sein, sondern auch Umwidmungen einer Klinik in ein ambulantes Gesundheitszentrum, siehe Finnland: Da gibt es sogar Betten in solchen Zentren, falls Übernachtungen erforderlich sind. Für solch eine Veränderung herrscht bei uns vor Ort jedoch erst mal Opposition. Aber so schlecht ist das nicht, da die medizinische Grundversorgung erhalten bleibt. Und die Menschen fahren ja auch bei uns schon länger vom Land zum Spezialisten ins Zentrum. Und ja, es gibt Fälle, wo die Versorgung, also die Erreichbarkeit für die Patienten nicht optimal ist. Aber im Umkreis von 30 Minuten mit dem Pkw gibt es meist noch genügend andere Krankenhäuser. Für die spezialmedizinische Behandlung darf der Umkreis sogar größer sein. Und wenn es wirklich keine Alternative in der Umgebung gibt, braucht es einen Sicherstellungszuschlag. Wichtig ist: Wie schnell komme ich im Notfall zum Spezialisten, etwa bei Herzinfarkt oder Schlaganfall?

Lässt sich das Kliniksterben noch aufhalten?

Nein, und das zeichnet sich jetzt schon länger ab. Seit 2017 verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser. Ein Drittel weist 2019 einen Jahresverlust aus, schreibt also roten Zahlen. 13 Prozent der Kliniken haben eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit und damit – um es im Banken-Jargon auszudrücken: „Ramsch-Status“. Fakt ist: Der Prozess der Schließungen und Strukturoptimierung verläuft zwar langsam, aber er läuft. Bislang sind die meisten Kliniken noch nicht akut bedroht. Aber mit der Perspektive auf die nächsten zwei bis drei Jahre sieht es schon übler aus. Insbesondere 2019 hatte sich die Lage der Kliniken zunächst deutlich verschlechtert. 2020 sind sie durch Ausgleichszahlungen gut durchgekommen. Jetzt bewegen wir uns eher wieder auf die Situation von 2019 oder schlechter zu. Die vierte Corona-Welle ist da ein zusätzlicher Schock.

Warum ist das so?

Die Corona-Versorgung steht derzeit bei vielen Kliniken im Vordergrund. Die Patientenzahlen bei anderen Krankheiten gehen dadurch überproportional runter, und das führt zu finanziellen Einbußen der Kliniken. Die Krankenhäuser werden insgesamt weniger abrechnen können, haben daher geringere Erlöse. Die wirtschaftliche Situation wird sich 2021 gegenüber 2020 also wieder verschärfen.

Woher rühren die finanziellen Probleme und wie lassen sie sich möglicherweise, wenn überhaupt, überwinden?

Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens stagnieren die Fallzahlen bereits seit 2017. Der Fixkostenblock wird damit in Relation immer teurer. Mehr Fälle könnten die sukzessiv steigenden Personalkosten ausgleichen. Aber ohne Wachstum kriegen die Krankenhäuser dieses Kostenwachstum nicht finanziert. Zweitens haben die Kliniken nicht immer genug Personal, um auf Vollauslastung gehen zu können – und der Personalmangel wird sich auch noch verschärfen.

Wie lässt sich die Situation von Kliniken und Patienten zum Beispiel durch Digitalisierung verbessern?

Unter anderem durch Telemedizin. Ein Beispiel dazu: Eine ältere Person könnte für eine Untersuchung in die Apotheke vor Ort gehen, die mit einem Facharzt in einem Zentrum oder einem Hausarzt vernetzt ist. Gerade wenn es in der Breite nicht mehr ausreichend Ärzte gibt, ist das eine Option. Die Nachfolgeproblematik bei niedergelassenen Ärzten nimmt schon seit längerem zu, die Preise für Praxisübernahmen sind im Sinkflug begriffen. Und wenn es keinen Landarzt mehr gibt, ist die Apotheke irgendwann vielleicht die noch einzige verbliebene Ansprechpartnerin. Aber nicht nur Telemedizin, auch die Interaktion zum Patienten hin muss digitaler gestaltet werden, siehe elektronische Patientenakte – ePA. Hier kann mittelfristig auch künstliche Intelligenz unterstützen, etwa um festzustellen, ob die verordneten Medikamente zusammenpassen. Wenn Daten strukturiert zur Verfügung stehen, kann der Arzt leichter entscheiden.

Was bedeutet das für die Patienten?

Der Patient sollte nur Leistungen mit hohem Nutzen in Anspruch nehmen. Er weiß aber nicht immer, ob der Nutzen hoch oder gering ist. Wenn der Nutzen gering ist, ließen sich Ressourcen einsparen. Das wird über die ePA besser erkenntlich, auch wenn das noch ein langer Weg ist. Aber dann kann ich besser sehen, was Wirkung entfaltet hat und was nicht. Über die ePA kann man als Patient auch informiert werden, ob etwa wieder eine Tetanus-Impfung ansteht. Auch gibt es derzeit keinen Rettungsdienstradar oder einen digitalen Überblick, wo noch Betten zur Verfügung stehen. Der Rettungsdienst verschwindet aus dem Visier, sobald er die Landkreisgrenze überquert. Der Rettungswagen sollte auf jeden Fall mit der Klinik digital vernetzt sein und diese sollte sich bereits auf den Patienten einstellen, solange er noch unterwegs ist. Derzeit geht da noch viel Zeit verloren, gerade bei kritischen Zuständen ist das nicht optimal.

Keiner weiß wie es nächstes Jahr, hoffentlich nach Corona, weitergeht. Was passiert dann mit den Krankenhäusern?

Ich rechne mit einer Entwicklung wie in der Luftfahrt. Man benötigt, wie schon dargestellt, weniger Kapazitäten und damit weniger Flieger – hier also weniger stationäre Betten.

* Professor Dr. Boris Augurzky ist seit August 2003 als Kompetenzbereichsleiter Gesundheit am RWI tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf dem stationären Gesundheitssektor, auf Fragen zur Reformierung des Gesundheitssystems und auf der Evaluation von Politikmaßnahmen. Unter anderem ist er Autor des Krankenhaus Rating Reports sowie des Pflegeheim Rating Reports. Seit 2007 ist er außerdem Geschäftsführer der Institute for Health Care Business (hcb) GmbH. 2016 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an die Universität Duisburg-Essen berufen. Seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender der Stiftung Münch. Darüber hinaus ist er Mitglied im Fachausschuss „Versorgungsmaßnahmen und -forschung“ der Deutschen Krebshilfe, im Ausschuss für Gesundheitsökonomie des Vereins für Socialpolitik, des Beirats des Bundesverbands Managed Care (BMC), der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) und des wissenschaftlichen Instituts der BARMER sowie Mitglied des Editorial Board „Krankenhaus-Report“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und des Rates für Gesundheit und Medizinethik des Bistums Essen.

*Prof. Dr. Boris Augurzky

Kompetenzbereichsleiter Gesundheit am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Prof. Dr. Boris Augurzky, Kompetenzbereichsleiter Gesundheit am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
©Prof. Dr. Boris Augurzky

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